Angesichts der gegenwärtigen Fülle von Lebensmöglichkeiten
ist die Idee der Vollendung ein un-
brauchbares Konzept geworden. Gefordert ist heute eine differenzierte Auseinandersetzung
in einem
dynamisch bleibenden Prozess von Herstellung, Reflexion und Bearbeitung. Vollendung
ist eine Idee,
die einen Machtmechanismus bedient, den wir kritisch zu durchleuchten versuchen.
In Mozarts Requiem haben wir eine sinnvolle und widersprüchliche Analogie
zu diesem Ansatz gefun-
den. Mozart steht als Ikone der klassischen Musik und Sinnbild des „genialen
Künstlers” exemplarisch
für die vereinfachende Betrachtungsweise im Konzept der Vollendung. Mozart
interessiert uns in jenem
Moment, wo sein kompositorisches Schaffen unvermittelt abbricht: im nicht
fertig gestellten Requiem.
Diese elementare Kraft des Unfertigen betrachten wir als die adäquate
Umgangsform mit den bren-
nenden Fragen unseres Zeitgeschehens. In einer künstlerischen Forschung
wollen wir die gegenwärti-
ge Dialektik von Vollkommenheitsansprüchen und Öffnungszwängen
untersuchen. Das heutige Europa
mit seinen unerfüllbaren Definitionszwängen und seinen inneren Kontroversen
wird durch diese Pro-
blematik in besonderer Weise berührt. Ausgehend von drei bedeutenden
mitteleuropäischen Zentren
– Wien, Zürich und Berlin – wollen wir das„europäische
Haus“ als politische und soziale Dauerbaustelle
betrachten und bespielen.
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DAS PROJEKT:
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>71⁄2 Untersuchungen über das Unfertige< ist ein Langzeitprojekt,
das sich über mehrere Entwick-
lungs- und Veröffentlichungsphasen fortschreibt. Getreu seiner thematischen
Ausrichtung entsteht
dabei kein abgeschlossenes Endergebnis. Vielmehr repräsentiert jede Veröffentlichung
einen momen-
tanen Arbeitsstand, der sich permanent weiterentwickelt.
Aus einer Folge von Skizzenprojekten, die an verschiedenen Orten in Europa
(u.a. Basel, Brienz, Lu-
zern, Sarajevo, Ural) realisiert werden, entsteht performatives Material,
aus welchem wir eine mehr-
stündige „bewohnbare Komposition“ entwickeln. Diese setzt
sich aus mehreren einstündigen Variatio-
nen zusammen, welche sich aus der musikalischen Struktur von Mozarts Lacrimosafragment
ableiten.
So wird das Projekt ein wachsendes Modul, welches flexibel auf den Veröffentlichungskontext
reagiert
und verschiedene Formen zulässt.
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DAS
UNFERTIGE:
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DIE
PARTNER:
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DIE
VARIATION:
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Wir schreiben die acht Takte des Lacrimosa aus Mozarts Requiem mit den Mitteln
zeitgenössischer
Performance fort. Als musikalisches Formgerüst dient dabei das „Thema“
und seine Variationen. In
unserer Arbeit wird Mozarts Lacrimosa musikalisch wie inhaltlich zum Thema
für 7 1⁄2 Variationen im
dreistimmigen performativen Satz: „Universum“ (Unendlichkeit vs.
Einschränkung), „Sisyphos“ (die
ewige Wiederkehr des Unfertigen) und „Katastrophe“ (Zusammenbruch
der Vollendung).
Die performative Form öffnet sich im Verlauf des Abends immer weiter
zur Kommunikation mit dem
Publikum. Während die erste Variation noch frontal, gleichsam mit einer
vierten Wand gespielt wird,
kommen die Zuschauer bei den weiteren Variationen in Bewegung. Ihre Position
im Raum ändert sich,
sie werden direkt angesprochen, befragt, an verschiedene Unfallorte des jeweiligen
Stadtviertels ge-
führt, in Geschicklichkeits- und Glücksspiele verwickelt, über
ein Kopfhörerspiel choreographiert und
schließlich zum Essen eingeladen.
Unterstützt durch Pro Helvetia Schweizer Kulturstiftung, das Präsidialdepartement
der Stadt Zürich, Kanton Zürich Fachstelle Kultur, IG Rote Fabrik
und die Stanley Thomas Johnson Stiftung.
Uraufgeführt und produziert für HÖLLENFAHRT, ein Projekt von
Wiener Mozartjahr 2006.
Gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds.
(Stand 01.06.06)
7 1/2 Untersuchungen über das Unfertige
ein Langzeitprojekt in 7 Skizzen und mehreren 7 1/2 stündigen Anlässen